Freunde finden in Deutschland: So gelingt es

by Stella Milo

Ein neues Land, eine neue Stadt – und obwohl du beruflich vielleicht schon angekommen bist, fehlt noch etwas. Freunde finden in Deutschland ist für viele internationale Fachkräfte eine der größten Herausforderungen. Echte Verbindungen. Menschen, die dich kennen, mit denen du lachen kannst, die du anrufst, wenn es dir nicht gut geht.

Freundschaften sind kein Nice-to-have – sie sind entscheidend dafür, ob wir wirklich ankommen. Und ob wir langfristig bleiben wollen.

Als internationale Fachkraft stehst du vor besonderen Hürden: Du bist nicht nur neu an einem Ort, sondern in einem Land. Vielleicht sprichst du die Sprache noch nicht fließend, kennst die sozialen Codes nicht und weißt nicht genau, wie man hier Freundschaften schließt. Das kann hemmen.

Die gute Nachricht: Freundschaft funktioniert nach Prinzipien – und die lassen sich gezielt anwenden.

Wie Freundschaften entstehen

Wenn wir uns anschauen, wie Freundschaften entstehen, zeigt sich immer wieder dasselbe Muster – drei Bausteine, die den Unterschied machen:

  • Nähe – Wer sind die Menschen in deinem Alltag, denen du regelmäßig begegnest? Sie könnten deine Freunde werden.
  • Wiederholung – Wie oft seht ihr euch? Regelmäßige Begegnungen schaffen Vertrautheit.
  • Gegenseitiges Sich-Öffnen – Das bewusste Teilen von Gedanken, Werten und Erlebnissen schafft emotionale Tiefe.

Diese drei Elemente sind dein Werkzeugkasten, um neue Freundschaften zu schließen.

Wo anfangen? Nähe und Wiederholung schaffen

Der Arbeitsplatz ist ein unterschätzter Ausgangspunkt. Du verbringst dort viel Zeit mit denselben Menschen – das ist eine natürliche Grundlage. Kurze, ungezwungene Gespräche in der Pause oder nach Meetings reichen zunächst völlig. Es geht nicht darum, sofort Freundschaften zu schließen, sondern darum, aus Fremden Bekannte zu machen.

Wiederholung bedeutet hier nicht, dass du sofort Verabredungen planst – es geht zunächst darum, dieselben Menschen immer wieder zu begegnen. Im Alltag, ungezwungen, ohne großen Aufwand.

Hobbys sind eine weitere starke Möglichkeit – und zwar auf zwei Arten:

  • Ein vertrautes Hobby: Hier bist du in deiner Komfortzone, kannst entspannt Kontakte knüpfen und musst dir keine Gedanken machen, ob du gut genug bist.
  • Ein neues Hobby: Alle sind Anfänger, alle sind neu – das schafft eine besondere Offenheit und gemeinsame Ausgangssituation.

Auch Treffen für Internationals oder Expats in deiner Stadt sind eine gute Möglichkeit. Menschen dort befinden sich in einer ähnlichen Situation wie du – das erleichtert den ersten Schritt enorm.

Vom Bekannten zum Freund: Die Kunst des Sich-Öffnens

Nähe und Wiederholung machen aus Unbekannten Bekannte – aber es fehlt noch etwas, um daraus eine echte Freundschaft zu machen: der dritte Baustein, die gegenseitige Offenbarung.

Wie geht das konkret? Durch das bewusste Teilen von immer persönlicheren Dingen – in kleinen Schritten. Zuerst oberflächlichere Themen, dafür viele: Hobbys, Reisen, Lieblingsrestaurants. Dann tiefer: Was dich motiviert, was du dir für die Zukunft wünschst. Und schließlich das Persönlichste: Herausforderungen, Verletzlichkeiten, Lebensgeschichten.

Besonders leicht fällt dieser Prozess, wenn ihr Gemeinsamkeiten teilt – ähnliches Alter, gleicher Lebensabschnitt, geteilte Werte oder Interessen. Je mehr ihr euch ähnelt, desto leichter öffnet man sich.

Wichtig dabei: Tempo und Gegenseitigkeit. Jede Offenbarung ist auch eine Einladung an dein Gegenüber, sich ebenfalls zu öffnen. Wenn du das Tempo des anderen spürst und darauf eingehst, entsteht gegenseitiges Vertrauen.

Ein konkreter Tipp für den deutschen Kontext: Was für dich vielleicht normal ist – schnell persönliche Dinge zu teilen – kann in Deutschland als zu viel wirken und dazu führen, dass Menschen Abstand nehmen. Umgekehrt bleibt eine Freundschaft flach, wenn nur Smalltalk ausgetauscht wird. Stell dir eine Skala von 1 (sehr oberflächlich) bis 10 (sehr persönlich) vor: Wenn das Gespräch auf einer 4 ist, teile eine 4 oder 5 – nicht gleich eine 9.

Und: Zeig, dass dir das Gespräch wichtig war. Greife beim nächsten Treffen auf etwas zurück – „Wie lief eigentlich dein…?“ Das signalisiert echtes Interesse und stärkt die Verbindung.

Freundschaft braucht Zeit – und das ist normal

Eine Studie von Jeffrey Hall (2019) hat untersucht, wie viel gemeinsam verbrachte Zeit nötig ist, um eine Freundschaft zu entwickeln:

  •     ~50 Stunden für eine lockere Freundschaft
  •     ~90 Stunden für eine echte Freundschaft
  •     200+ Stunden für eine enge Freundschaft

Das klingt viel – ist es aber nicht, wenn man es aufteilt. Jede kurze Unterhaltung, jede Textnachricht, jedes gemeinsame Mittagessen zählt. Freundschaft entsteht nicht in einem großen Moment, sondern durch viele kleine.

Fazit: Du kannst heute anfangen

Neue Freundschaften entstehen nicht von allein – aber sie folgen Mustern, die du aktiv gestalten kannst. Schaffe räumliche Nähe zu anderen Menschen, sorge für wiederkehrende Begegnungen, und öffne dich schrittweise. Das gilt für alle, die neu an einem Ort sind – aber ganz besonders für dich als internationale Fachkraft, die nicht nur einen neuen Alltag, sondern eine neue soziale Welt aufbaut.

Fang klein an. Ein Gespräch. Eine Einladung. Ein Hobby. Und dann das nächste.

Quelle: Hall, J. A. (2019). How many hours does it take to make a friend? Journal of Social and Personal Relationships, 36(4), 1278–1296.

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Wer schreibt hier?

Hey, ich bin Stella Milo. Als Coach und Beraterin begleite ich internationale Fachkräfte beim Start in Deutschland – damit sie sich schnell einleben, ankommen und entfalten können.